Samstag, 19. Mai 2012
DVD-Tipp November 2011

Wir sind Was wir sind (OT: Somos lo que hay)

Wir sind was wir sind  Ein älterer Mann in einem abgetragenen Anzug schwankt durch ein luxuriöses Einkaufszentren für die gehobene Mittelschicht. Vor den nur halb bekleideten Schaufensterpuppen beginnt er zu weinen. Wenig später bricht er zusammen, spuckt Blut und stirbt. Die Obduktion ergibt Seltsames: Im Magen des Toten findet sich ein abgetrennter Finger mit lackiertem Fingernagel. Eine Familie verliert ihren Ernährer. Die Söhne Alfredo und Julian wollen ihren Stand mit gebrauchten Uhren weiter betreiben, werden aber vom Markt vertrieben, denn der Vater hat die Miete nicht bezahlt, und der jähzornige Julian schlägt im Streit einen mäkelnden Kunden nieder. Die Spannungen in der Familie wachsen. Nach dem Tod des Patriarchen möchte keiner den Platz des Familienoberhaupts einnehmen. Die unterschiedlichen Brüder, der bedächtige Alfredo und der impulsive Julian, geraten immer wieder aneinander, die Familie zerfällt zwischen Aggression und Rivalitäten. Die Mutter ist wie gelähmt in ihrer Trauer, Sabina, die Schwester, will Alfredo zum neuen Oberhaupt. Das muss schnell passieren, das Ritual muss weitergehen: Dilettantisch machen sich die Brüder auf die Jagd, versuchen, eines der verwahrlosten Straßenkinder unter der Autobahnbrücke zu fangen, dann, so machte es der Vater immer, eine Prostituierte nach Hause zu locken. Aber da ist die Mutter strikt dagegen. „Somos lo que hay“ heißt wörtlich übersetzt: „Wir sind, was es gibt“, dies im Sinne von „Mehr gibt es nicht“. Der Film zeigt über die aus dem Gleichgewicht geratenen Familienstrukturen hinaus eine marginalisierte Gruppe gesellschaftlicher Außenseiter, die ihre Identität über das Ritual des Kannibalismus finden, der hier für eine archaisch tribale Religiosität steht, ohne die der Familienzusammenhalt nicht funktionieren würde. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Nebenepisode, in der der ältere Bruder seine beginnende Homosexualität durch den Kannibalismus sublimiert, indem er den Geliebten der Familie ausliefern will. Darüber hinaus ist der Film ein dunkles Porträt der sozialen Realität der mexikanischen Hauptstadt. Seien es die verwahrlosten Kinder unter der Autobahnbrücke, sei es der Straßenstrich oder, im harten Kontrast dazu, die kalte Shopping Mall – der Film zeichnet das Bild einer grausamen, kalten Gesellschaft, in der der Kannibalismus nur eine weitere böse Spielart der Existenz ist. Dazu passt die fast parodistische Darstellung einer unfähigen und korrupten Polizei. „Wir lösen keine alten Fälle“, sagt ein Beamter, als ihn der Pathologe auf den abgebissenen Finger im Magen des toten Vaters aufmerksam macht, „aber das heißt nicht, dass wir die neuen Fälle lösen.“ Mexiko ist eines der produktivsten Filmländer des lateinamerikanischen Subkontinents, bei dem kommerziell erfolgreiche Blockbuster, Komödien, Horror- und Fantasyfilme um einen starken Autorenfilm ergänzt werden. „Wir sind was wir sind“ ist das Spielfilmdebüt von Jorge Michel Grau, ein interessantes Stil-Gemisch aus sozialem Melodram, Horror- und Polizeifilm. Zwar lässt sich die Handlung in wenigen Worten als Kampf einer Bande von Kannibalen ums Überleben wiedergeben, interessant aber ist die Mischung der Genreelemente hin zu einem ausdrucksstarken „Cine-Noir“-Eindruck. Dies wird durch den sparsamen Umgang mit der Musik unterstrichen; erst nach zehn Minuten sind die ersten Akkorde einer disharmonischen Streichermusik zu hören, die den Film bis zum Ende sporadisch begleiten wird. Mitunter wird die Tonebene völlig verfremdet; wenn Alfredo endlich das Objekt seiner Begierde findet, ist in der voll besetzten Discothek keine Musik zu hören. Selbst die blutigen und schauerlichen Elemente zeigen keine Horrorfilm-Ästhetik, sondern dunkle, gedämpfte Farben, es überwiegen Nachtszenen und kammerspielartige Momente in dunklen Innenräumen. Daraus resultiert ein verstörender, zugleich aber auch faszinierender Film, auf keinen Fall blutiger Splatter, aber in jedem Fall ein interessanter Kontrast zum adoleszent-romantischen Vampir-Kitsch neuerer Mainstream-Filme. [Wolfgang Hamdorf / Kritik aus film-dienst Nr. 11/2011]

Darsteller: Francisco Barreiro, Alan Chávez, Paulina Gaitan | Regisseur: Jorge Michel Grau | Komponist: Enrico Chapela | FSK: 18 Jahre | Studio: Universum Film GmbH | VÖ: 28. Oktober 2011 | Produktionsjahr: 2010 | Spieldauer: 85 Minuten

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