Samstag, 19. Mai 2012
Deutschstunde fuer Alphabetisierte Teil 5

Die Moritat des Weihnachtsmarktes unterm Säufermond

Buchtipp.jpgWir haben  sie erreicht, jene graue Jahreszeit, die uns erlaubt mit der ersten Dunkelheit dem Alkohol zu frönen. Der Weihnachtsmarkt hat seine Pforten geöffnet, die dicken Kinder können endlich unbeschwert naschen und ihre rotnäsigen Eltern am Glühweinstand die neue Bild diskutieren oder endlich die Einsicht erlangen, das Atomstrom doch gar nicht so schlimm ist. Der Dönerverkäufer versteht die ganze Tannenbaumeuphorie sowieso nicht und ärgert sich über die steigenden Bratwurstverkaufszahlen. Und der Säufermond leuchtet erhaben über Halles Marktplatz und lenkt gekonnt vom Halbwissen des Stadtrates ab, wie die chinesischen Plastikspielkatzen, die ohne Unterbrechung immer mit dem linken Arm (zum Glück) winken. Ein typischer hallescher Winter hat begonnen.

In einer solchen Umgebung spielt unser monatlicher Roman bzw. diesmal ein Drama: Bertolt Brechts „Die Dreigroschenoper“. Viele haben es in der Schule gelesen, kennen die Moritat Mackie Messers oder die Inszenierung am örtlichen Theater. Aber ist euch mal aufgefallen, dass Brechts London auch Halle sein könnte?

Brechts Held Macheath, gennant Macki Messer, ist ein Ganove wie er im Gangsterbuch steht und möchte vom Straßenkriminellen zum Geschäftsmann aufsteigen, wie so viele Neustädter in ihrer Platte. Dabei schmiert er die Polizei und verliebt sich in Polly, die Tochter seines Verbrecherkonkurrenten Peachum (Silberhöhengang?). Dieser findet die Aktion nicht so tight und möchte Macki platt machen (Jugendspache!). Macheath sieht das ein wenig anders, heiratet Polly und zieht sich damit den Zorn des wütenden Vaters auf sich. In einer rasanten Handlungsfolge mit allerhand Eiferversucht, Gewalt und Verwirrungen, landet Macki in der Todeszelle des hiesigen Gefängnisses. Der Plot ist schnell erzählt, doch die Art und Weise, wie Brecht seine Charaktere zeichnet, ihre Schwächen und Stärken vorführt, die Versuchung des gemeinen Mannes und der freien Frauen, lassen dieses Drama glänzen und bringen den geneigten Leser in eine Welt des zwielichtigen Untergrundes. Die Liebe als oberstes Gesetz, fernab jeglicher Diktate, tugendlos und moralisch zu gleich. Brecht erschafft eine Umgebung voller Leidenschaft, rotlichtgetauchten Gassen und schmutziger Kulisse, wie ein Spaziergang östlich des heimischen Hauptbahnhofs, wenn man weiß, hier muss ich zum Glück nicht wohnen.

Wer am Sonntag mal keine Lust auf Tatort oder Polizeiruf hat, dem sei dieses Drama eine willkommen Abwechslung und eine lustige Milieustudie in Sachen Verbrechen. Und wer den Weihnachtsmarkt überstanden hat, der kann sich auf ein wundervolles Silvester, in unserer Stadt der Herzen, freuen! [kf]

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