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Samstag, 19. Mai 2012
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Graffiti kontrovers Teil 4 |
Dies ist nun abschließend eine, wie wir von Dock 31 finden, interessante Sichtweise zu unserer Serie Graffiti kontrovers. Der Beitrag wurde uns von Akki78 zugesendet.
Die letzten Ausgaben haben ja schon mit verschiedenen Beiträgen vorgelegt, und auch Haltung gezeigt, wie man auf die „jugendlichen Schmierer“ reagieren, und mit ihren häuserverschandelnden Tags umgehen soll. Vor allem wird immer wieder lebendig diskutiert mit welcher Härte sie bestraft werden sollen. Aus diesem Grund, „Herzlichen Glückwunsch an die Jugend!“, sie ist ab und zu noch der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Es wird durch ihre Energie eine alte Diskussion am Leben gehalten, die zwar wichtig, aber auch noch unverstanden ist. Die Serie Graffiti kontrovers gibt Raum für uns Graffitisprüher, eine andere Sichtweise auf das gemeinschaftliche Miteinander zu geben.
Seit dem letzten Jahrhundert hat sich die Stadt in ihrer Funktionsweise verändert. Der Stadtraum wird nicht mehr ausschließlich als Lebensort gesehen. Hauswände haben Schutz und Representationsfunktionen. Paradoxerweise dienen sie weltweit verstärkt zur Kommunikation von Menschen. Die Hauswände und andere städtische Flächen dienen elektronischen Massenmedien und Werbebildern, die eine ganze Fassadenfläche einnehmen können, dazu unsere Konsumbereitschaft zu fördern. Leuchtreklamen, Verkehrstafeln, Neonschriften und Werbebilder, politische und philosophische Aussagen, bis hin zu Graffitis vernetzen sich zu einem Ganzen. Die Stadt ist zu einer großen und veränderbaren Leinwand gereift, die wie ein geschichtenerzählendes Buch ist. Sie hat sich zur öffentlichen Galerie, zum Austausch-, Inspirations-, und Ausstellungsraum entwickelt. Der Stadtraum wird damit zum wertvollen Medium für die Aufmerksamkeit. Werbeindustrien liefern sich einen Kampf um Beachtung der Menschen.
Graffiti erscheint in diesem Zusammenhang als radikale Form der Jugend die, nach dem Vorbild der Mediengesellschaft, auf sich aufmerksam machen will. Es ist ein Mittel, um in einer Subkultur verstanden, aber für die allgemeine Bevölkerung unverstanden zu bleiben. Zwischen Werbung und Graffiti bestehen heute nur wenige Unterschiede, da sie sich in ihrer Vergänglich- und Schnelllebigkeit ähnelt. Das Ziel ist bei beiden ein ähnliches, das Abstecken und Vertreten eines für sich beanspruchten Bereichs. Das kapitalistische System teilt sich in zwei Teile. Erstens vertritt es die Idee des Eigentums und zweitens die darausfolgende Idee des souverän handelnden und freien Individuums. Beide Phänomene haben evolutionsgeschichtlich den gleichen Ursprung, und sind miteinander verbunden. Privates Eigentum und die Kreativität bilden die Basis, um im Kapitalismus Profit zu schlagen. Selbstverwirklichung ist demnach eines der erstrebenswertesten Grundziele des Kapitalismus und vor allem einer darin aufwachsenden Jugend!
Graffiti ist für die meisten Bürger ein Ärgernis und ein Symbol für die Verwahrlosung der Stadt. In dieser Diskussion ist bemerkenswert, wie viele Beispiele aufzuzählen wären, bei denen ganz offiziell der Stadtraum „verschandelt“ wird. Dabei werden solche Vorgehensweisen sogar oft noch finanziert. Zum Beispiel werden Warenhäuser mit schlechter und einfacher Architektur gebaut, die das Stadtbild und deren Randgebiete für lange Zeit, nicht nur positiv verändern. Im Gegenzug werden schöne alte Häuser abgerissen, wie es die oft jahrelangen Baulücken in unserer Stadt beweisen. Dies ist nur ein alltägliches Gegenbeispiel, wie ganz legal der öffentliche Raum und dessen Kultur verändert werden. Wer schützt hier den Bürger per Gesetz und wendet es vor allem an?
Es werden unterschiedlich wertvolle Vorschläge gemacht, wie auf Graffiti entgegengewirkt werden kann. Ein oft vorgetragener Vorschlag Kameras für saubere Häuser einzusetzen, ist eine blauäugige, hilflose und auch gefährliche Forderung, denn sie stellt auch die Gefahr von Überwachungsmissbrauch dar. Die Installation eines gut ausgebauten Überwachungs- und Kontrollsystems wird völlig legal und einfach so installiert, ohne das sonst übliche Argument, man müsse sich vor Terror und Kriminalität schützen. Ist diese Technik jedoch erst in Benutzung und von einer großen Bevölkerungszahl akzeptiert, können diese Systeme für ein freies Land zur Gefahr werden.
Der Mensch wird dadurch nicht weniger kriminell, sondern überlegt sich Ausweichmöglichkeiten. Das Problem der Kriminalität und die Verbreitung von Graffiti werden an einem anderen Ort weitergetragen, aber nicht gelöst. Die große Möglichkeit von Missbrauch mit Überwachungstechnik ist nicht ungefährlich. Wer schützt die Freiheitsrechte der Bevölkerung? Wer übernimmt die Verantwortung für die Gefahr die hinter den Kameras steckt? Niemand kann hier kontrollieren oder beurteilen welcher Einsatz missbräuchlich oder nicht ist, insbesondere wenn Geld die Steuerung beeinflusst.
Der Diskussionsrahmen umspannt aber noch eine andere und viel wichtigere Richtung. Es wird von einer respektlosen und kriminellen Jugend gesprochen. Doch wer ist diese Jugend und was zeichnet sie aus. Die Jugend ist ein Spiegel der Gesellschaft und oft auch ein Abbild, wie es um sie und ihrer Zukunft in der Gesellschaft steht. Es wird viel diskutiert in welcher Weise der Strafen- und Maßnahmenkatalog zu erweitern und vor allem zu verschärfen ist. Den Eltern wurden Ratschläge gegeben, wie sie ihre Kinder auf Hinweise überprüfen können, die auf Sprüherkriminalität deuten. Die Ratschläge waren Vergleichbar mit der Reaktion auf ein Krankheitsbild und den Symptomen eines schwerst Drogenabhängigen oder psychisch Erkrankten. Auch so gute Ratschläge von aufgebrachten, älteren Menschen, dass man denen die Hände abhacken solle und das es das früher nicht gegeben hätte, verdeutlicht doch nur die Unfähigkeit der Eltern, ihren Nachwuchs auf einer angemessenen Ebene zu erreichen und zu erziehen. Ein Problem was an der mangelnden Kommunikation und des fehlenden Anbietens von Alternativen für Freizeitbeschäftigungen liegt.
Die Zeit schreitet rasant voran, aber die besondere Beachtung gerade wenn es um solche Themen geht, hinkt noch hinterher. Aber daran sind nicht nur Eltern im Privatem Schuld, sondern auch das Fernsehen, die weltweiten Medien und die Politik, deren erste Kürzungsadresse immer die Kultur und die Schulbildung ist. Aktuelles Beispiel ist, das gerade versucht wird das Künstlerhaus 188 am Böllberger Weg, mit Sitz vieler Vereine, zu schließen.
In großen Städten ist die Kulturnot oftmals verdeckt, da es einfach noch mehr Alternativen gibt, als in Städten wie Halle. Dennoch stellt Halle für mich ein spezielles Beispiel dar, da diese konjunkturschwächere Region zeigt, dass sie Atem, Leben und vor allem drängende und aktive junge Menschen hat. Die jungen Menschen versuchen auf sich aufmerksam zu machen und etwas mitzuteilen. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Über die Art & Weise und Qualität lässt sich streiten. [Akki78]
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