
Kein normales Tourkonzert / Phillip Boa am 10.09.2011 im Steintor Varieté
Drückende Enge, Atemnot, fremder Schweiß klebt an Händen, Oberkörper und T-Shirt, ein Ellenbogen drückt sich in meinen Rücken. Auf einmal geht es los. Es wird noch enger und die Masse schreit im Chorus: „Arschloch“ … „Arschloch“ … „Arschloch“ … minutenlang, schreien, springen, toben…. und wieder „Arschloch“ … „Arschloch“ … „Arschloch“… Auf einmal ist der Saal in Nebel gehüllt und wummernde Bässe strapazieren das Trommelfell. Der Saal springt, die Masse kocht, springt und grölt mit: „I`am a hyperactive Cracker, I‘am a neverending rapper!“… Oh ja wir sind alle hyperaktive Cracker und sind die nächsten zwei Stunden kollektiv im Phillip Boa Fieber. Die Schorre ist zum Bersten gefüllt und zur Bühne trennt uns nur ein schmales Absperrgitter an dem die Ordner alle Hände voll zu tun haben um die Massen zurückzuhalten und einige der erschöpften Geschöpfe herauszuziehen. Es war einer der Abende, die selbst einem gestandenen Musiker mit über 20 Jahren Bühnenerfahrung im Gedächtnis bleiben, so sehr, dass er immer wieder an diesen Ort zurückkehrt an dem er solche Erfahrungen erleben durfte. Dieses Konzert des Prototypen eines exzentrischen Indiemusikers, dem selbsternannten „Arschloch der Nation“ war im Jahr 1994. Seine damals aktuellen Platten waren „Boaphenia“ und „Helios“ und sie markierten sicher einen der vielen Höhepunkte in Boas Karriere.
16 Jahre später kommt Phillip Boa erneut zurück nach Halle und hat genau diese beiden Platten im Gepäck. Ich treffe Herrn Boa diesmal nicht im Konzert, sondern in einem Biergarten mitten Halle. Er ist gealtert und von Arschlochattitüden, Exzentrik und anderen Allüren ist nichts zu merken. Es grüßt ein gut gelaunter, nachdenklicher und offener Phillip Boa und ich gebe mir Mühe meine Aufregung zu verbergen, ist er doch einer der Helden meiner Pubertät. Wir reden über seine Platten, Musik und Amy Winehouse, die sich vor ein paar Tagen für immer vom Leben verabschiedet hatte.
Er erzählt, dass es diese beiden Platten nicht mehr zu kaufen gab, dass er sie deswegen neu herausgebracht hat und dass er auf Grund dessen mit genau den Songs dieser Platte einige Konzert spielt. Deswegen ist es auch kein normales Tourkonzert, sondern eher ein Multimediafanabend, aber keine Fanconvention, worauf er großen Wert legt. „Das Konzert ist für Fans, aber auch für andere Leute, die diese Art von Musik mögen.“ Nach den minimalistischen Rockjahren in denen Bands wie die Strokes die Szene beherrschten, wird der Indiesound nun, mit Bands wie „Arced Fire“, wieder tiefer, geräumiger und mit mehr Flächen, was mehr dem Boasound entspricht. „Unsere Musik hat viele Räume, die man entdecken kann. Sie ist sehr breit und einige Bands klingen sehr nach uns“, so Boa. Also entschlossen sich die Booker vom Steintor gemeinsam mit Phillip Boa, dass in Halle der Film „Control“ über die Indieband „Joy Division“ gezeigt wird. Dazu spielen „The Invincible Spirit” und die Hallenser „AC Vibes“ und im Anschluss “werden die Leute nicht rausgeschmissen”, sondern es gibt noch eine Aftershow-Party, die sich auch Band und Boa nicht entgehen lassen…
Die „Arschloch … Arschloch“ – Zeiten sind endgültig vorbei und meine 30 Minuten mit Herrn Boa auch. Zurück bleibt eine angenehme Erinnerung, die ich im Kopf direkt neben den vielen Konzerteindrücken abspeichere und die Vorfreude auf einen spannenden Abend mit einem der abwechslungsreichsten deutschen Musiker, der es versteht sich neu zu erfinden und dennoch irgendwo immer Boa bleibt… [mg]
|