Samstag, 19. Mai 2012
Shanty Town Radio August 2009
Dexter Younghearts „Northern Soul“ History / Teil 3

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Northern Soul fand schnell regen Zulauf und breitete sich später in ganz Großbritannien aus. Die Musik war exklusiv und vom Mainstream ungehört. Die Anhänger wollten sich von der Masse abheben und wirkten dabei für Außenstehende elitär. Aus der Liebe der nordenglischen Jugend zu alter Soulmusik und der aus der Not geborenen Sammelleidenschaft insbesondere von DJs hatte sich eine eigene Clubszene entwickelt, die diese Soulmusik feierte und zu ihr tanzte. Viele Clubs spielten von nun an mindestens an einem Abend in der Woche ausschließlich diese alte und gleichzeitig „neue“ schnelle Soulmusik, die man in den USA aufgespürt hatte.

Zu den bekanntesten und einflussreichsten nordenglischen Northern-Soul-Clubs der 1970er und 1980er Jahre gehörten das „Twisted Wheel“, das „Golden Torch“, das „Blackpool Mecca“ und das „Wigan Casino“. Sie zählen zu den ersten Clubs, die die musikalische Ausrichtung von Clubnächten auf den größtenteils unbekannten Soul der 1960er fokussierten. Kennzeichnend für Northern Soul waren große Partys, die in Jugendclubs, Arbeiterklubs, Tanzhallen oder sogar auf Seebrücken stattfanden. Bei den Veranstaltungen war es üblich, dass Plattenstände aufgebaut wurden, um die Szenegänger mit Soul-Singles zu versorgen.

Die Northern-Soul-Partys benannte man nach dem großen Vorbild der Modkultur „Allnighter“ bzw. „Weekender“. Allnighter sind ausgelassene Partys, die die ganze Nacht über dauern. Weekender sind das Entsprechende, sofern die Party über das ganze Wochenende geht. Die Northern Soul-Szene gehört mit ihren nächtlichen Partys, die damals noch eher ungewöhnlich waren, wie die Modkultur somit zu den Vorläufern der Ravekultur.

Neben den nächtlichen Partys gab es noch eine damit eng verbundene Parallele zu den Mods. Aufputschmittel („Speed“) wurden hier ebenso als Tanzmusik-Droge konsumiert, um die ganze Nacht durchhalten zu können. Auch die Mods nahmen reichlich Pillen zu sich.

Auf den Partys gab es im Unterschied zu anderen Subkulturen keinen bestimmten universellen Dresscode. Zugegeben auch die Northern-Soul-Szene war anfangs von bestimmten modischen Einflüssen geprägt. Der Northern-Soul-Fan (Crack) trug weit verbreitete Aufnäher und Abzeichen (engl. Badges), die bei jedem Clubabend ausgegeben wurden, um die Zugehörigkeit zur Northern-Soul-Szene und bestimmten Clubs kundzutun. Auch eine Parallele zur Modkultur.

Nur den „Northern Soul“ DJs ist es zu verdanken, dass sich die „Northern Soul“ Musik zu dem entwickelte, was sie heute ist. Sie hoben eine längst vergessenen Musik in einen völlig neuen Kontext zu ihrer verdienten Anerkennung. Nicht unclever, nutzten sie den Mangel an Platten für sich, um mit Hilfe einfacher Tricks ihren eigenen Marktwert zu steigern. Einige überklebten die Labels der Platten und gaben ihnen andere Titel- und Interpreten Namen (so genannte cover-ups). Wenn die Platten in den Clubs zu Hits wurden, konnte kein DJ sie spielen, solange bis jemand ein weiteres Exemplar der Single entdeckte und so die wahre Identität aufgedeckt wurde. Das konnte manchmal Jahre in Anspruch nehmen. Diese Taktik der DJs verstärkte nebenbei den Exklusivitätsanspruch der Northern-Soul-Liebhaber. Und die Sammler konzentrierten sich auf immer rarere Platten.

In den USA unbekannte, unterschätzte oder längst vergessene Soulkünstler wurden zu Auftritten in die Clubs eingeladen und dort euphorisch gefeiert. Um einige entwickelte sich ein regelrechter Starkult. Das trifft vor allem auf die wohl heute bekanntesten Namen zu: Major Lance und Dobie Gray. Während Lance der Superstar der Szene war und ist, hatte Dobie Gray mit „The In Crowd“ einen der größten Northern-Soul-Hits.

Entwicklung bis heute
Die Northern-Soul-Szene in Großbritannien hat in ihrer Geschichte immer wieder Höhen und Tiefen durchlaufen. Am populärsten war die Northern-Soul-Szene in den 1970er Jahren und Anfang der 1980er Jahre. Damals konnte Northern Soul so viel Aufmerksamkeit verbuchen, dass man schon von mehr als nur einer reinen Subkultur sprechen kann.

In dieser Zeit gab es auch Versuche britischer Labels direkt auf diese Szene zugeschnittene, neue Aufnahmen zu veröffentlichen und somit die Szene zu kommerzialisieren. Qualitativ konnten diese Neuaufnahmen den Klang und das Gefühl der alten Aufnahmen zwar recht gut nachahmen, wurden von den Fans aber kaum angenommen, so dass diese Versuche bald wieder eingestellt wurden.

Die ungebrochene Sammelleidenschaft der Soul Fans und vor allem der DJs eröffnet auch heute noch einen florierenden Markt für rare Soul-Singles. Die Exklusivität der Originalpressungen lässt diese Leidenschaft zu einem teuren Hobby werden.

Das allgemein sehr hohe Preisniveau der Singles wird in erster Linie von ihrer Seltenheit und der Nachfrage zahlungskräftiger englischer Sammler und Top-DJs bestimmt. Die künstlerische Qualität der Aufnahme spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Für Northern-Soul-Puristen zählt nicht nur die Originalität der Aufnahme sondern in erster Linie die Originalität des Trägermediums, die rare Vinylkopie.

Fortsetzung in der nächsten Ausgabe! [ao]

Die ersten Teile der History gibt‘s hier im Artikelarchiv Juni & Juli zu lesen!

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