Donnerstag, 29. Juli 2010
Graffiti kontrovers Teil 3
Leben / Lokales



 
Graffiti kontrovers Teil 3
 
Nach ein paar eher amüsanten Vorstellungen von Personen und Vereinen unserer „Kultur statt Halle“ und ihren kläglichen Versuchen die „Plage“ Graffiti zu beseitigen, was sie sich auf die Fahnen geschrieben haben, sprachen wir nun mit Miguel Gozar, der sich zu diesem Thema äußern wollte.

Was macht Graffiti für dich so interessant?
Es gibt mir die Möglichkeit eine Sache mit Freunden zusammen zu machen. Ich habe Spaß daran, Aktionen zu planen und mich mit Anderen zu organisieren bzw. mich auch mit Anderen untereinander zu duellieren und außergewöhnliche Sachen zusammen zu erleben, das verbindet, ich kann am großen Spiel der verschworenen Malergemeinschaft mitmachen und mich selbst ausdrücken, provozieren oder einfach Andere erreichen. Ich kann dabei meine Lust und Launen ausspielen bzw. frei lassen… manchmal sogar allgemeine Dinge aus dem Alltag verarbeiten. Naja, die Vielfalt ist groß, mit Graffiti etwas Persönliches zu machen.
 
Welche Entwicklungen gab es, deiner Meinung nach, in der Szene durch städtische Förderprogramme, von denen ja behauptet wird dass man sich dadurch diese „Plage“ herangezüchtet hat?
Graffiti entstand hier in Halle ca. 1989 aus der Punk- und Skateszene und hat sich stetig weiterentwickelt. Es gab auch schon anfangs einzelnen Gruppierungen mit einem Ansatz von HipHop. Graffiti wurde damals durch einen verschworenen Kreis einiger Writer (Graffitisprüher) Stück für Stück, durch anfängliche Tags (Deckname) und Throw Ups (ungefüllte Buchstabenumrandungen), am Leben gehalten. Später kamen dann die Leute auf die Idee einfach viel größer und mehr zu malen. Es breitete sich mehr und mehr aus. Die Förderprogramme der Streetworker, z.B. die von Thomas Biedermann, waren einfach nur hilfreich für alle Writer. Hier wurden Freiräume geschaffen.

Wie funktioniert für dich die beste Kombination aus Graffitisprühen und Jugendarbeit?
Mit Graffiti kann ich die Neugier einiger Jugendlichen schneller wecken. Ich finde es wichtig, mich auf ihre Augenhöhe zu begeben. Dann ist man einander näher. Ich werde oft fast gleichaltrig gesehen und akzeptiert, da ich beim sprühen wieder Kind sein kann, meine Jugendzeit öffne und auslebe. Ich mag Workshops mit Kindern, weil ich da meine eigenen Erfahrungen und mein Wissen weitergeben kann. Zusätzlich kann ich auch Spaß und Kreativität vermitteln.
Ich bin mir meiner großen Verantwortung oft gar nicht bewusst, wie sehr ich als Einzelner durch mein tun und handeln, Menschen positiv beeinflussen kann. Kinder merken sich gewissen Sachen ein Leben lang bzw. lassen sich durch die Faszination einer bestimmten Sache unterbewusst lenken und prägen. Mich haben ja auch meine Erlebnisse innerhalb dieser Szene beeinflusst und tun das auch heute noch. Es ist eine Art Liebe zu einer Sache, zu der man sich hingibt. Es muss daran gearbeitet werden um am Ende etwas zurück zubekommen. Es prägt das Selbstbewusstsein.

Graffitisprüher leben gefährlich, intensiv und in Angst. Wieso ist es trotz all dem so reizvoll?
Es geht weder um Adrenalin noch um den Kick. Es ist die Anerkennung und die Bestätigung der anderen Writer, die den Vorantrieb ausmachen. Die Gemeinschaft und Freundschaft beim Graffiti machen das Ding aus. Alle Writer können sofort miteinander etwas anfangen, denn sie verstehen sich weltweit auf ihre Art. Es ist das pubertäre Duellieren am Anfang, sich in der Gruppe beweisen. Ich mache Aktionen mit Freunden zusammen. Wir stellen also etwas Konstruktives auf die Beine und versuchen somit die gegnerische „Mitspieler“ zu beeindrucken. Wir sprechen über Aktionen und Bilder der Anderen und jeder versucht sein Ding zu machen um am Ende seine Anerkennung dafür zubekommen…

In der derzeitigen Debatte wird sehr viel über Strafen nachgedacht. Findest du das sinnvoll und wenn ja wer sollte wie bestraft werden?
Ich finde Strafen nicht sinnvoll. Das ist pures Verdrängen der eigentlichen Problematik. Die Kids brauchen Aufmerksamkeit, einen Sinn und Zweck, besser eine Aufgabe in ihrer Freizeit. Sie wollen wahrgenommen werden. Strafen bringen überhaupt nichts. Sie sollen zwar abschrecken, aber die Writer, die ihre leidenschaftliche Graffitisache ernst nehmen, hören deshalb doch nicht mit dem sprühen auf. Es sollte lieber über positive Alternativen für die Kids nachgedacht werden.

Wie schätzt du den Nachwuchs ein?
Der Nachwuchs ist heutzutage, mit einigen Ausnahmen, wirklich sehr oberflächlich und sie haben fast keinen Respekt mehr an der Sache. Oft sind sie zu faul sich so intensiv zu informieren, wie es die früheren Generationen getan haben. Werte und Regeln werden mit Füssen getreten.

Was nervt dich an der Diskussion um Spüher am meisten?
Das sie immer noch geführt wird! Es ist eine komplexe Sache des Untergrundes, einer Jugendbewegung. Außenstehende können und werden es nicht nachvollziehen bzw. begreifen. Die Gesellschaft sollte einfach akzeptieren, dass es dieses Graffitiphänomen gibt, das sich Jugendliche in ihrer Pubertät ausprobieren und duellieren wollen.
Ein generelles Kaufverbot für Dosen zum Beispiel ist doch ein Witz, oder? Es kann doch Niemanden verboten werden Dosen zu kaufen. Das ist doch Eingreifen in die Privatsphäre. Man sollte sich nicht so derart kontrollieren und gängeln lassen.
Aber seien wir doch mal ehrlich, gibt es nicht schlimmere Straftaten, die mehr Aufklärung und Verfolgung brauchen als dieses „unleserliche Krikelkrakel“ von Jugendlichen an Häuserwänden. Noch schlimmer ist die Gleichstellung des Strafmasses mit weitaus schwereren Delikten. [mbeh/mgo]
 

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