Dienstag, 22. Mai 2012
History of Mod Teil 5
Leben / Szene
History of Mod - Teil 5

Exkurs zu House: wie der Name House schon sagt, ist diese Musikrichtung nicht in der Disco entstanden.
Im Gegensatz und in Ablehnung zu kommerziellen Klängen, haben einige stilprägenden Protagonisten in Chicago und Detroit, vergleichbar mit dem 60er Jahre Soul, das Heft in die Hand genommen und einen rauheren, unverfälschteren und „echteren“ Sound gesucht. Im Gegensatz zum Untergrund - Soul der 60er jedoch haben die amerikanischen Innovatoren die aufkommenden technischen Möglichkeiten des Sampling genutzt und die Bedingungen für DJs extrem verändert. House oder auch die Houserichtung Garage sind „zu Hause“ entstanden. Privatparties waren der Rahmen für die Weiterentwicklung, bevor das Mischpult und die, von HipHop - Pionieren entwickelten, Techniken es möglich machten, aus Versatzstücken von alter schwarzer Musik und europäischer elektronischer Avantgarde, eine völlig neue Musik zu kreieren. Außer der eigenen Hütte boten auch leerstehende Lagerhäuser, alte Industriegebäude und Garagen den kommerziellen
Vergnügungstempeln die Stirn. Der unbeholfene Charme dieser Anfangstage wird durch viele Anekdoten unterstrichen, z.B. wenn altgediente DJ Legenden erzählen, dass die Geschwindigkeit einer Kraftwerk - Schallplatte am Plattenteller mit dem Daumen reguliert wurde, um ein zusammen mischen mit den Vocals einer Soulplatte zu ermöglichen. Exkurs Ende
 
In den späten 80ern und in den 90ern war elektronische Musik v.a. in England nicht mehr länger nur billige Tanzmusik, sondern wurde von einigen Speerspitzen des Genres zur Kunstform erhoben. Besonders erwähnenswert sind hier: The Orb, The Prodigy, Orbital, Material, Bomb the Bass, The Shamen, LFO, 808 State, A Guy Called Gerald, New Order, Massive Attack, The KLF, Adrian Sherwood, Coldcut und Aphex Twin.

In den 90er Jahren kehrte ein Teil der englischen Musikschaffenden der Elektronik den Rücken und nahm wieder vermehrt die Klampfe in die Hand. Bekannt geworden ist das alles unter dem leicht beschränkten Schlagwort „Britpop“, von dem ich nicht gedacht hätte, dass ich es überhaupt benutzen müsste. Die Bands heißen bekannterweise Oasis, Pulp, Blur, Elastica, Ash, Dodgy, Suede, The Verve, Ocean Colour Scene, Radiohead oder Supergrass. Sowohl ihre optische Erscheinung, wie auch der Sound ihrer Musik war ohne jeden Zweifel primär von den englischen 60ern beeinflusst. Im Vergleich zu den sogenannten „Ravebands“ der späten 80er und frühen 90er war der Sound der Britpop - Kapellen allerdings in Teilen wesentlich poppiger, radiotauglicher und soundtechnisch auch eher ein Rückschritt. Eine Band wie Supergrass zum Beispiel hat definitiv hervorragende Platten eingespielt und grossartige Musikerschaffen, doch wie die meisten ihrer Zeitgenossen, kann man die 3 Boys aus Oxford als Retroband bezeichnen.

Ja, ja, ich weiß, einige von euch werden sich jetzt fragen: „The Prodigy? Grandmaster Flash? Norbert Blüm? Was hat die ganze Scheisse jetzt bitte noch mit Mod zu tun? Wo bleiben die Berichte über Paisleyhemden, Hipster - Hosen und die gottverdammten Small Faces?“ Und eben genau darum geht es ja. Das war die Vergangenheit, die wir in Ehren halten. Aber in der Hülse des Modernismus ist noch so viel Platz, dass wir unbedingt in die Zukunft schauen sollten, denn die Zukunft ist, das ist ja das schöne daran, unendlich!
Generell ist zu beobachten, dass der Trend zu Sport - Edelmarken immer stärker geworden ist, so kostet ein limitierter Schuh von Puma, Paul Frank oder Converse manchmal mehr als ein rahmengenähter Lederschuh, oder eine Zipper - Sportjacke von Ben Sherman, Fred Perry oder Sergio Tacchini mehr als ein gutsitzendes Jacket.
 
Wer sich die Pressefotos von Blur oder Oasis anschaut, dem wird aufgehen, dass nicht nur Ghettokids, sondern auch Hipster zur FILA - Trainingsjacke greifen. Die Mods sind sportlicher geworden und haben sich dem Zeitgeist dadurch auch mehr zugetan. Mittlerweile ist sogar die Gegenbewegung eingetreten. Man kann im Jahre 2004 hunderte von Hiphoppern oder Technos mit dem angeblichen „eigentlichen Erkennungszeichen“ aller Mods herumlaufen sehen: dem Parka! Eine Umfrage in England hatte ergeben, dass von 100 Befragten, die meisten den Begriff „Mod“ nicht mit Musik, Vespa oder Anzügen verbanden, sondern mit dem klassischen grünen Fishtail - Parka mit aufgesetztem Kaputzenpelz. Wieder einmal werden die Mods eines Symbols entledigt, das bald keins mehr sein wird, aber was soll´s. Wenn es das Bestreben einer Szene ist, sich modisch abzusetzen, genug Möglichkeiten dazu findet man allemal. Der Parka war übrigens von jeher nie der verbindliche „Uniform Mantel“ der Mods. Er erfüllt nur den Zweck, dass man, während man auf seinem Roller sitzt, einen Mantel hat, der vor dem Fahrtwind schützt und, der nicht zu schade ist, um sich darauf knien zu können, wenn man seine Mühle unterwegs einmal reparieren muss. Das passierte übrigens, laut Berichten von passionierten Kennern der Technik von Scootern, bei Modellen von Lambretta wesentlich öfter als bei der robusten Vespa.
Die (pseudo-) Analyse in den „modernen Zeiten“ soll allerdings nicht bedeuten, dass jeder schlecht angezogene-, pillenverseuchte-, von Lautmusik - Konsum malle gemachte - und des Sprechens eines zusammenhängenden Satzes unkundige Technospack, als geistiger Nachfolger des klassischen Mod‘s bezeichnet werden könnte oder dürfte.

Ein gesundes Stilempfinden und Haltung sind nach wie vor unverzichtbar. Die Analyse soll aber verdeutlichen, dass „Mod“ heute noch mehr ist als eine realitätsfremde Späthippie - Geschichte...

„Mod“ war der Bodensatz für beinahe jede Jugendbewegung und Musikavantgarde im vereinigten Königreich und auch später in Mitteleuropa. [ao]

Die ersten Teile der Story gibt es im Artikelarchiv hier auf www.dock31.de zu lesen.

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